Ab 50 Jahren die gesetzliche Rente durch
Extrabeiträge aufstocken – eine geplante Gesetzesänderung, hinter der
ein lukratives Angebot steckt. Denn in Zeiten von Niedrigzinsen schafft
sie vor allem bei älteren Arbeitnehmern ab 50 oft mehr Rendite als
Privatrenten. "Plusminus" zeigt, wie es sich lohnen kann.
Gesetzliche Rente liege vorne
Drei
Prozent, ja drei Prozent Zinsen für das Geld – wo gibt es die denn
momentan? Auf dem Sparbuch? Mit einer Lebensversicherung? Oder gar der
gesetzlichen Rente? Es ist die gesetzliche Rente, die zurzeit drei
Prozent bringt – ein überraschender Befund. Keiner kommt auf die Idee,
Werner Siepe schon. Der Finanzmathematiker kann rechnen. Siepe erzählt:
"Es hat sicherlich Zeiten gegeben, bis zum Ausbruch der Finanzkrise, wo
eine kapitalgedeckte Rente der gesetzlichen Rente überlegen war, nur ist
das jetzt nicht mehr."
Dass die staatliche
Rentenversicherung derzeit im Vergleich mit privaten
Altersvorsorgeprodukten so attraktiv ist, liegt vor allem an der
Niedrigzinspolitik der EZB, der hohen Beschäftigung im Land, den
gestiegenen Löhnen und an den niedrigsten Rentenversicherungsbeiträgen
seit 25 Jahren.
Gut auf der langen Strecke
Eine
starke gesetzliche Rente ist für Norbert Blüm keine Überraschung. Einst
hatte Blüm gesagt: "Zum Mitschreiben. Die Rente ist sicher." Das klingt
bis heute nach und momentan besonders gut. Norbert Blüm, Bundesminister
AD: "Die Arbeit als Grundlage ist immer noch sicherer, als die
Alterssicherung dem Trubel der Finanzwirtschaft auszusetzen. Und ein
Blick in die letzten hundert Jahre der Alterssicherung zeigt ja, wie auf
der langen Strecke die Rentenversicherung immer gut abschneidet."
Mit der gesetzlichen
Rente jetzt mehr rausholen – diese Möglichkeit gibt es: Wer vorzeitig in
Rente gehen will, mit 63, der kann die entstehenden Abschläge
ausgleichen mit freiwilligen Einzahlungen. Das gilt für alle ab 55
Jahren. Wie attraktiv das ist, wird total unterschätzt, weiß Werner
Siepe: "Im Moment sieht es so aus, gerade für die Älteren, die ja
dürfen, Arbeitnehmer ab 55, dass die gesetzliche Rente die anderen
privaten Renten in der Tat schlägt, was man auch rechnerisch sehr
einfach beweisen kann."
Info-Box: Die Annahmen:
Ein heute 55-Jähriger legt die nächsten zwölf Jahre, jeden Monat gut
200 Euro beiseite. In der Summe sind das 30.000 Euro. Die gesetzliche
Rente brächte ab Rentenbeginn mit 67 Jahren 126 Euro pro Monat. Eine
vergleichbare Rentenversicherung beim besten privaten Anbieter bringt 95
Euro und auch die Rürup Rente, ein staatlich gefördertes Produkt, kommt
hier nur auf 95 Euro.
Was tun mit der ausbezahlten Kapital-Lebensversicherung?
Die
gesetzliche Rentenversicherung lohnt sich zur zusätzlichen
Altersvorsorge. Jahrelang hat man auch Michael Santak das Gegenteil
erzählt. Santak ist Verlagsangestellter aus Heidelberg: "Ich bin jetzt
58 Jahre alt, meine Kinder sind aus dem Haus und ich habe vor kurzem
eine Kapitallebensversicherung ausbezahlt bekommen, die ich jetzt für
die Altersvorsorge einsetzen möchte, weil ich mit 63 in Rente gehen
will." Sein eigentlicher Rentenbeginn wäre mit 66 Jahren, dann bekommt
er 1.777 Euro. Er möchte aber schon mit 63 Jahren aufhören. Ihm blieben
1.591 Euro – das ist ein Rentenabschlag von 186 Euro jeden Monat.
Michael Santak gehört
zu denjenigen, die mit freiwilligen Einzahlungen in die gesetzliche
Rentenversicherung Rentenabschläge ausgleichen dürfen. Wissen das auch
die, bei denen er um Rat fragt? Er vereinbart Termine bei
Honorarberatern, und zwar explizit bei unabhängigen Honorarberatern.
Werden die ihm freiwillige Beiträge empfehlen?
Liegt Falschberatung vor?
Unsere Stichprobe mit versteckter Kamera zeigen wir Versicherungsexperte und Verbraucherschützer Axel Kleinlein.
O-Töne des Beratungsgesprächs:
Info-Box: Berater: "Ich muss ihnen davon abraten. Die Rentenversicherung hat doch ein Demografieproblem."
Kunde:
"Wäre es denn bei mir sinnvoll den Rentenabschlag durch zusätzliche
Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung auszugleichen – das geht
doch?"
Berater: "Nein, das ist nicht möglich und wenn schon. Das macht doch niemand, das will keiner und das bringt auch nichts."
Hier
wirft Axel Kleinlein vom Bund der Versicherten ein: "Das hier so Grund
weg abzulehnen, ist nicht der richtige Ansatz, im Gegenteil. Da müsste
man überlegen, ob da nicht sogar eine Falschberatung vorliegen könnte."
Info-Box: Berater: "Ja, diese Möglichkeit gibt es. Kann ich aber nicht empfehlen. Der Betrag ist weg und bringt keine Zinsen."
Berater: "Haben sie schon mal an gebrauchte Photovoltaik-Anlagen gedacht? Die jährliche Rendite liegt da bei fünf bis sieben Prozent."
Der
Kommentar von Axel Kleinlein dazu: "Das ist schon überraschend, wenn
einem statt einer Einzahlung in die gesetzliche Rentenversicherung eine
Photovoltaik-Anlage empfohlen wird. Das geht an vielen Beratungszielen
vorbei." Sechs Honorarberater hat unser Lockvogel besucht. Nur ein
einziger sprach von sich aus die gesetzliche Rente als Anlagealternative
an. Nannte das aber gleich "exotisch".
Alex Kleinlein schätzt
das so ein: "Die Finanzindustrie, die Banken, die Versicherungen, die
Fondsgesellschaften haben hier offensichtlich gute Arbeit geleistet, den
Ruf der gesetzlichen Rentenversicherung zu diskreditieren, so dass wir
aus den Blick verloren haben, dass das eigentlich eine gute Anlage ist."
Die Vorteile der gesetzlichen Rente
Die
gesetzliche Rente – eine gute Anlage. Ginge es nach der
rentenpolitischen Arbeitsgruppe der großen Koalition, dann könnten schon
ab Sommer noch viel mehr Bürger profitieren. Der Vorschlag: Die
Altersgrenze der Berechtigten soll von 55 auf 50 Jahre gesenkt werden.
Für Millionen gesetzlich Versicherter wäre das mehr Zeit zum Einzahlen.
Mit ausgedacht hat sich
das Peter Weiß von der CDU. Der Rentenpolitiker hat mit dem
Gesetzesvorschlag all diejenigen im Auge, die früher in Rente gehen
wollen. Aber auch ohne neues Gesetz hat das Ganze einen Clou. Peter Weiß
erklärt die Bedeutung: "Auch wenn ich gar nicht mit Abschlägen in Rente
gehe, sondern bis zur Altersgrenze künftig bis 67 Jahre durcharbeite,
dann habe ich das noch als zusätzliche Rente obendrauf." Ein
Bombenangebot, das schon heute gilt. Doch kaum einer, gerade mal 800
Bürger, machen davon Gebrauch.
Hat Norbert Blüm eine
Erklärung? Er sagt: "Verstehe ich auch nicht, wie ich mir überhaupt
wünsche, dass die Rentenversicherung mehr von ihren Vertretern
kämpferisch dargestellt wird, ihre Vorteile – das ist mir viel zu
ängstlich. Die müssen ihr Licht doch nicht unter den Scheffel stellen."
Doch das tun sie
offenbar, denn vor der "Plusminus"-Kamera wollte kein Vertreter der
Deutschen Rentenversicherung für sein Produkt werben.
Autor: Stefan Jäger